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Ein Hauch Orient in Zofingen - Zwischen Stil und Herkunft

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Ein Schmucksatz aus Zofingen und die Frage nach seinem Ursprung   D er Schmucksatz aus Zofingen wirkt auf den ersten Blick einfach schön. Vergoldetes Filigran, Perlmutt, tropfenförmige Anhänger. Nichts Auffälliges, nichts Überladenes. Erst beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass dieses Objekt mehr erzählt als nur eine ästhetische Geschichte. Material und Verarbeitung sprechen dafür, dass der Schmucksatz zwischen etwa 1880 und 1910 entstanden ist. Die warme Goldfärbung, das feine Drahtwerk und die Art der Fassung passen gut zu Schmuckarbeiten aus dieser Zeit. Solche Techniken waren im späten 19. Jahrhundert weit verbreitet und finden sich sowohl in europäischen als auch in osmanisch geprägten Werkstätten. Auch die Gestaltung lässt sich nicht eindeutig einer Region zuordnen. Formen und Motive erinnern an Schmucktraditionen des osmanischen Raums, wurden aber im gleichen Zeitraum auch in Europa aufgegriffen und weiterverarbeitet. Besonders im Zusammenhang mit dem Orientalismus fanden ...

Ein Hut, der Geschichte trägt - Der letzte Dienstmann von Zofingen

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E r war weder Politiker noch Unternehmer oder Künstler. Und doch war er für viele Reisende die erste Begegnung mit Zofingen. Herr Küpfer, der letzte Dienstmann der Stadt. Sein Hut - dunkel, robust und mit verstärktem Schirm - ist heute das Einzige, was von seinem Beruf übrig ist. Er ist ein stiller Zeuge einer Arbeitswelt, die verschwunden ist.     Doch was genau machte ein Dienstmann?   Er trug Koffer, erledigte Botengänge und half beim Ein- und Aussteigen. Kein Glamour, kein Rampenlicht. Aber Verlässlichkeit, Präsenz und körperliche Arbeit. Dienstmänner waren die helfenden Hände an Bahnhöfen, lange bevor es Rolltreppen und Gepäckwagen gab. Sie standen bereit, wenn jemand Unterstützung brauchte: sichtbar, ansprechbar, menschlich.  In Bern kostete der Koffertransport 1969 noch 80 Rappen, später dann 4 Franken. In Zofingen war Herr Küpfer jahrzehntelang mit seinem Zweiradanhänger unterwegs. Immer allein, oft rauchend, manchmal trinkend. Ein Man...

Scrollen um 1880

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  W as Fotoalben aus Zofingen über Familie, Erinnerung und soziale Netzwerke erzählen Vier Fotoalben, hunderte ernste Gesichter – und erstaunlich viel Nähe. Wer heute durch ein Fotoalbum blättert, scrollt meist nur kurz. Zwei, drei Seiten, ein nostalgisches Lächeln – fertig. Im späten 19. Jahrhundert war das anders. Damals waren Fotoalben keine beiläufigen Erinnerungsobjekte, sondern sorgfältig komponierte Bühnen familiärer Identität. Davon erzählen vier Fotoalben aus Zofingen, angelegt von Martha, Marie, Anna und William Müller zwischen etwa 1880 und 1898. Sie wirken auf den ersten Blick zurückhaltend: Studioaufnahmen, ernste Gesichter, klare Posen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Hier wurde Erinnerung nicht gesammelt – sie wurde geordnet.   Familie zuerst - immer Alle vier Alben eröffnen mit einem familiären Bezug, meist mit Mutter, Vater und Geschwistern, wenn auch in unterschiedlicher Ausgestaltung. Diese wiederkehrende O...

Testlauf für die Ewigkeit

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G ips ist nicht gerade das Material, dem man die Ewigkeit anvertrauen würde. Er bröselt, staubt und nimmt Feuchtigkeit übel – kurz: kein idealer Kandidat für ein Grabmal. Und trotzdem beginnt genau hier die Geschichte dieses Objekts. Denn dieses Gipsmodell aus dem Jahr 1886 will gar nicht dauerhaft sein. Es will überzeugen. Es ist ein Vorschlag, kein Versprechen.   Gerade darin liegt sein Reiz. Bevor etwas für immer in Stein gehauen wird, darf es hier noch unsicher sein. Wie viel Engel ist zu viel Engel? Reichen Blumen, oder braucht es Sterne? Soll der Trost sichtbar sein – oder lieber dezent angedeutet? Dieses Modell ist der Ort, an dem solche Fragen gestellt werden durften, ohne dass sie gleich endgültig beantwortet werden mussten.   Das Gipsmodell stammt aus dem Jahr 1886. Im Mittelpunkt steht ein Engel, der ruhig, fast hoffnungsvoll in den Himmel blickt. Sein Gewand fällt locker und lässt ihn beinahe schwerelos wirken. Er steht auf einer wolkenartigen Basis...

Ein alter niederländischer Globus im Museum Zofingen

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I n einer Abstellkammer findet man den ein oder anderen Plunder, der sich über die Jahre angesammelt hat. Ab und zu findet man auch recht nette Dinge darin. In der Abstellkammer, in der ich mich herumgetrieben habe, ist eigentlich ein Lager. Und das war nicht irgendein Lager, sondern das des Museums Zofingen. Dort gab es auch was Nettes für mich zu finden, nämlich einen alten Globus, versteckt auf der höchsten Etappe eines Regals. Und meine Aufgabe bestand nun darin, etwas über das Objekt herauszufinden.       Unsere Reise beginnt in einem Dorf irgendwo im Kanton Aargau. Um es genauer zu nehmen: in Reitnau. Heute kann man es noch als ein Kaff bezeichnen und sowieso im siebzehnten Jahrhundert. Warum im siebzehnten Jahrhundert, fragen sie sich sicher. Ich spreche vom Reitnau des siebzehnten Jahrhunderts, weil dort diese Geschichte beginnt. So, was gibt es im Reitnau des siebzehnten Jahrhunderts? Ein paar Häuschen und eine Kirche. Und diese Kirche hat einen Pfarrer. Und die...

Ein Blick in die Tiefe - Der Stereobetrachter

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W ie fühlt es sich an, einen Ort zu sehen, an dem man nie gewesen ist? Heute setzen wir eine VR-Brille auf oder scrollen durch Bilder auf dem Smartphone. Doch schon lange vor digitalen Bildschirmen gab es ein Gerät, das genau dieses Gefühl erzeugen konnte: den Stereobetrachter.     Zu Danken haben wir Sir Charles Wheatstone. Im 19.Jahrhundert beschäftigte er sich mit der Nachahmung von räumlichen Sehen in Bezug auf ein Bild. Er war es dann auch, der den ersten Stereobetrachter gebaut hat. Sir David Brewster war es aber, der das Prinzip in einem kleinerem und handlicherem Apparat zusammengefasst hat. So ist auch der Stereobetrachter von William Müller ein Beispiel eines solchen. Zuletzt war es aber Oliver Wendell Holmes, der den Apparat einen ganzen Batzen günstiger machte. Sein günstigeres Produkt wurde massenproduziert und war nun für viel mehr Menschen zugänglich.   Doch was hat es weiter mit diesem Stereobetrachter auf si...

«Marthy» und ihre Beziehungen - Ein Poesiealbum aus dem späten 19. Jahrhundert im Besitz von Martha Müller

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B eim Durchblättern eines alten Poesiealbums fällt schnell auf, wie viel Zeit, Sorgfalt , Ehrgeiz   und Bedeutung in diesem kleinen Buch stecken. Das Poesiealbum von Martha Müller   aus Zofingen , entstanden im späten 19. Jahrhundert, ist ein solches Objekt. Es erlaubt einen Einblick in die Welt eines jungen Mädchens und in eine Form des Erinnerns, die heute   auf eine analoge Weise   fast vollständig verschwunden ist.     Im späten 19. Jahrhundert waren Poesiealben ein fester Bestandteil bürgerlicher Alltags- und Erinnerungskultur. Ausgehend von den frühneuzeitlichen   alba   amicorum   entwickelten sie sich zu privaten Freundschaftsbüchern, die vor allem von Kindern, Jugendlichen und Frauen genutzt wurden. Gedichte, Sinnsprüche und Widmungen hielten soziale Beziehungen fest und folgten dabei klaren formalen und inhaltlichen Konventionen.      Das Album wurde Martha im Jahr 1892 als Kind geschenkt und über mehrere Jahre hinweg...