Ein Hut, der Geschichte trägt - Der letzte Dienstmann von Zofingen
Er war weder Politiker noch Unternehmer oder Künstler. Und doch war er für viele Reisende die erste Begegnung mit Zofingen. Herr Küpfer, der letzte Dienstmann der Stadt. Sein Hut - dunkel, robust und mit verstärktem Schirm - ist heute das Einzige, was von seinem Beruf übrig ist. Er ist ein stiller Zeuge einer Arbeitswelt, die verschwunden ist.
Doch was genau machte ein Dienstmann?
Er trug Koffer, erledigte Botengänge und half beim Ein- und Aussteigen. Kein Glamour, kein Rampenlicht. Aber Verlässlichkeit, Präsenz und körperliche Arbeit. Dienstmänner waren die helfenden Hände an Bahnhöfen, lange bevor es Rolltreppen und Gepäckwagen gab. Sie standen bereit, wenn jemand Unterstützung brauchte: sichtbar, ansprechbar, menschlich.
In Bern kostete der Koffertransport 1969 noch 80 Rappen, später dann 4 Franken. In Zofingen war Herr Küpfer jahrzehntelang mit seinem Zweiradanhänger unterwegs. Immer allein, oft rauchend, manchmal trinkend. Ein Mann, der arbeitete, verschwand - und doch hinterliess er Spuren.
Sein
Hut war mehr als nur ein Kleidungsstück. Er war Uniform, Erkennungszeichen und
Zeichen der Berufszugehörigkeit in einem. Wer ihn trug, gehörte zu einer
Berufsgruppe, die im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Eisenbahn entstand.
Die Dienstmänner waren meist selbstständig oder tätig für die SBB, arbeiteten
auf Abruf und wurden nach Tarif bezahlt. Ihr Beruf war körperlich fordernd,
aber gesellschaftlich wenig angesehen. Und trotzdem waren sie unverzichtbar.
Unverzichtbar für die Hotellerie, unverzichtbar für Reisende und unverzichtbar
für Städte wie Zofingen.
Der Bahnhof Zofingen wurde im Jahr 1856 eröffnet. Damals glaubte man, die Stadt werde zum Verkehrsknotenpunkt. Doch Olten bekam den Zuschlag. Zofingen investierte später in die Nationalbahn und verlor dabei Millionen. Der Bahnhof blieb, der Fortschritt kam und mit ihm neue Berufe. Der Dienstmann war einer davon. Und irgendwann war er wieder weg.
Doch wer war dieser Mann?
Herr Küpfer lebte zurückgezogen in der Ringmauergasse, gegenüber dem Pulverturm. Er war alleinstehend, hatte keine Familie und war für viele einfach «der mit dem Hut». Bis Anfang der 1970er-Jahre war er mit seinem Zweiradanhänger unterwegs, erledigte Aufträge, half Reisenden und verschwand dann wieder. Nach getaner Arbeit ging er oft in die Kneipe, rauchte Prisaggo-Zigaretten - fast ein Markenzeichen. Er war Teil des Stadtbildes, aber nie im Mittelpunkt. Und gerade deshalb bleibt er in Erinnerung.
Seine Arbeit war einfach, aber wichtig. Er brachte Koffer vom Zug ins Hotel, half Reisenden, die nicht mehr weiterwussten, und erledigte Botengänge für Gäste. Er war ein Bindeglied zwischen Bahnhof, Stadt und Menschen. Einer, der da war, wenn man ihn benötigte - ohne dabei Aufsehen zu erregen oder Anerkennung zu erwarten.
Der Hut erzählt.
Er erzählt von einer Zeit, in der Hilfe nicht digital, sondern persönlich war. Von einer Stadt, die sich bewegte, aber auch innehielt. Von einem Beruf, der verschwand, weil die Welt schneller wurde.Was bleibt?
Ein Objekt im Museum. Ein Interview mit einem Zeitzeugen. Und die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur in grossen Ereignissen, sondern auch in kleinen Gesten steckt. In einem Hut. In einem Mann, der Zofingen ein Stück menschlicher machte.
Der Beruf des Dienstmannes ist heute verschwunden. Aber seine Geschichte lebt weiter - im Hut, im Museum und im kollektiven Gedächtnis. Und vielleicht auch in diesem Text.
Der Dienstmann-Hut ist somit mehr als nur ein historisches Objekt.
Er steht für Wandel. Er steht für Nähe. Er steht für eine Stadt, die sich an all das erinnert.
Luca Saxer
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