«Marthy» und ihre Beziehungen - Ein Poesiealbum aus dem späten 19. Jahrhundert im Besitz von Martha Müller
Beim Durchblättern eines alten Poesiealbums fällt schnell auf, wie viel Zeit, Sorgfalt, Ehrgeiz und Bedeutung in diesem kleinen Buch stecken. Das Poesiealbum von Martha Müller aus Zofingen, entstanden im späten 19. Jahrhundert, ist ein solches Objekt. Es erlaubt einen Einblick in die Welt eines jungen Mädchens und in eine Form des Erinnerns, die heute auf eine analoge Weise fast vollständig verschwunden ist.
Im späten 19. Jahrhundert waren Poesiealben ein fester Bestandteil bürgerlicher Alltags- und Erinnerungskultur. Ausgehend von den frühneuzeitlichen alba amicorum entwickelten sie sich zu privaten Freundschaftsbüchern, die vor allem von Kindern, Jugendlichen und Frauen genutzt wurden. Gedichte, Sinnsprüche und Widmungen hielten soziale Beziehungen fest und folgten dabei klaren formalen und inhaltlichen Konventionen.
Das Album wurde Martha im Jahr 1892 als Kind geschenkt und über mehrere Jahre hinweg von Familie, Freundinnen und Bekannten genutzt. Die Einträge bestehen meist aus Gedichten oder Sinnsprüchen, ergänzt durch kurze persönliche Widmungen. Sie folgen festen Formen und greifen immer wieder ähnliche Themen auf: Freundschaft, Treue, religiöse Werte und gute Wünsche für die Zukunft. Persönliche Briefe oder ausführliche Erzählungen finden sich kaum, denn das Album war kein Tagebuch, sondern ein gemeinsames Erinnerungsobjekt.
Besonders auffällig ist die Mehrsprachigkeit der Einträge. Neben Deutsch erscheinen auch Französisch, Englisch und Italienisch. Dies deutet auf ein bildungsbürgerliches Umfeld hin, in dem Fremdsprachenkenntnisse geschätzt wurden. Mehrere Einträge stammen zudem aus Château de Marnand, einer Mädchenschule, die Martha zeitweise besuchte.
Martha bleibt selbst erstaunlich unsichtbar. Im gesamten Album findet sich kein eindeutig von ihr selbst verfasster Eintrag. Ihr Bild entsteht ausschliesslich durch die Worte anderer, die sie liebevoll „Marthy“ nennen und als geschätzte, gut eingebundene Person erscheinen lassen. Wer sie wirklich war, wie sie dachte oder wie ihr Leben weiterging, bleibt offen. Gerade diese Lücke macht das Album jedoch zu einer interessanten historischen Quelle.
Das Poesiealbum von Martha Müller zeigt, wie wichtig schriftliche Erinnerung, Freundschaft und soziale Verbundenheit im bürgerlichen Alltag des 19. Jahrhunderts waren. Es erinnert daran, dass Beziehungen einst mit Feder, Tinte und Geduld festgehalten wurden und dass gerade darin eine besondere Form von Nähe lag.
Francisca Cardoso
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