Testlauf für die Ewigkeit
Gips ist nicht gerade das Material, dem man die Ewigkeit anvertrauen würde. Er bröselt, staubt und nimmt Feuchtigkeit übel – kurz: kein idealer Kandidat für ein Grabmal. Und trotzdem beginnt genau hier die Geschichte dieses Objekts. Denn dieses Gipsmodell aus dem Jahr 1886 will gar nicht dauerhaft sein. Es will überzeugen. Es ist ein Vorschlag, kein Versprechen.
Gerade darin liegt sein Reiz. Bevor etwas für immer in Stein gehauen wird, darf es hier noch unsicher sein. Wie viel Engel ist zu viel Engel? Reichen Blumen, oder braucht es Sterne? Soll der Trost sichtbar sein – oder lieber dezent angedeutet? Dieses Modell ist der Ort, an dem solche Fragen gestellt werden durften, ohne dass sie gleich endgültig beantwortet werden mussten.
Das Gipsmodell stammt aus dem Jahr 1886. Im Mittelpunkt steht ein Engel, der ruhig, fast hoffnungsvoll in den Himmel blickt. Sein Gewand fällt locker und lässt ihn beinahe schwerelos wirken. Er steht auf einer wolkenartigen Basis, als würde er gleich abheben. Schon hier stellt sich die Frage: Soll dieser Engel nicht nur den Verstorbenen begleiten, sondern auch die Lebenden trösten?
Mit der rechten Hand zeigt der Engel nach oben, als würde er auf etwas Grösseres hinweisen. In der linken hält er einen Blumenstrauss. Rosen und Tulpen stehen für Liebe, Vergänglichkeit und Wiedergeburt – Gefühle, die gerade im Zusammenhang mit Tod und Abschied eine wichtige Rolle spielen. Hinter dem Engel funkeln zwei sechszackige Sterne. Sie erinnern an Himmel, Ewigkeit und an die Vorstellung, dass die Seele weiterlebt. Direkt darunter steht der Satz: „In den Sternen ruht der Friede.“ Eine einfache Botschaft, die Hoffnung vermittelt – und wahrscheinlich genau das ausdrücken sollte, was Angehörige damals brauchten.
Schaut man genauer hin, entdeckt man in einer Ecke des Modells den Namen H. Sautermeister sowie die Aufschrift „Stuttgart 1886“. Wer dieser Künstler genau war, wissen wir heute nicht. Und genau das macht das Objekt spannend: Es wirft Fragen auf, statt alle Antworten zu liefern.
Warum überhaupt ein Grabmal aus Gips? Im späten 19. Jahrhundert waren solche Gipsentwürfe ganz normal. Bildhauer nutzten sie, um ihre Ideen sichtbar zu machen, bevor ein Grabmal in Stein gehauen wurde. Man konnte damit Formen, Proportionen und Details testen – und Auftraggebern zeigen, wie das fertige Grabmal später aussehen sollte.
Auch der Stil des Modells verrät viel über seine Zeit. Die klare, hohe Form erinnert an antike Grabstelen und ist typisch für den Neoklassizismus, der Ruhe und Würde ausstrahlen sollte. Gleichzeitig ist das Grabmal voller Symbole – Engel, Blumen, Sterne. Genau das passt zum Symbolismus, der Gefühle und Vorstellungen nicht direkt erklärt, sondern in Bilder übersetzt.
Engel waren im 19. Jahrhundert besonders in der protestantischen Grabkultur beliebt. Sie galten als Vermittler zwischen Himmel und Erde, als Schutzfiguren und Zeichen der Hoffnung. Die Darstellung hier ist bewusst ruhig und nicht übertrieben religiös – eher tröstend als belehrend.
Das Modell zeigt, wie sich die Grabkultur damals veränderte. Grabmäler sollten nicht mehr nur markieren, wer wo begraben liegt. Sie sollten erinnern, Gefühle ausdrücken und den Hinterbliebenen helfen, mit dem Verlust umzugehen. Trauer bekam eine sichtbare Form.
Die Geschichte dieses Gipsmodells selbst bleibt allerdings unvollständig. Gefunden wurde es in Zofingen, im Dachgeschoss eines Gebäudes, das dem Bildhauer Edy Scheidegger gehörte. Wie der Entwurf aus Stuttgart dorthin gelangte, weiss man bis heute nicht. Auch ein tatsächlich ausgeführtes Grabmal nach diesem Modell konnte bisher nicht gefunden werden. Vielleicht wurde es nie realisiert. Vielleicht existiert es irgendwo – und wartet nur darauf, entdeckt zu werden.
Genau hier wird das Objekt richtig spannend. Denn es ist nicht nur ein fertiges Kunstwerk, sondern auch ein offenes Rätsel. Es erzählt nicht alles, sondern lässt Platz für Fragen, Vermutungen und eigene Gedanken. Und vielleicht ist genau das seine Stärke.
Wenn man vor diesem Engel steht, merkt man schnell: Es geht nicht nur um Gips, Stilrichtungen oder Jahreszahlen. Es geht um Menschen, die jemanden verloren haben. Um den Wunsch, Erinnerung festzuhalten. Und um die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist.
Dieses kleine Modell zeigt, wie sehr sich die Grabkultur im 19. Jahrhundert verändert hat – weg von rein funktionalen Grabzeichen hin zu persönlichen, emotionalen Erinnerungsmalen.
Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Museumsbesuch oder Friedhofsspaziergang kurz stehen zu bleiben und genauer hinzuschauen. Denn manchmal erzählen gerade die stillen Objekte die grössten Geschichten – man muss ihnen nur zuhören.
Johanna Bühler
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