Ein alter niederländischer Globus im Museum Zofingen
In einer Abstellkammer findet man den ein oder anderen Plunder, der sich über die Jahre angesammelt hat. Ab und zu findet man auch recht nette Dinge darin. In der Abstellkammer, in der ich mich herumgetrieben habe, ist eigentlich ein Lager. Und das war nicht irgendein Lager, sondern das des Museums Zofingen. Dort gab es auch was Nettes für mich zu finden, nämlich einen alten Globus, versteckt auf der höchsten Etappe eines Regals. Und meine Aufgabe bestand nun darin, etwas über das Objekt herauszufinden.
Unsere Reise beginnt in einem Dorf irgendwo im Kanton
Aargau. Um es genauer zu nehmen: in Reitnau. Heute kann man es noch als ein
Kaff bezeichnen und sowieso im siebzehnten Jahrhundert. Warum im siebzehnten
Jahrhundert, fragen sie sich sicher. Ich spreche vom Reitnau des siebzehnten
Jahrhunderts, weil dort diese Geschichte beginnt. So, was gibt es im Reitnau
des siebzehnten Jahrhunderts? Ein paar Häuschen und eine Kirche. Und diese
Kirche hat einen Pfarrer. Und dieser Pfarrer hat sich wohl sehr für die Welt
interessiert. Darum hat er sich einen Globus beschaffen lassen. Wie genau der
Globus in seinen Besitz gelangt ist, das weiss der Profession passend nur Gott.
So, warum ist der Globus denn so interessant? Und was hat er mit den Niederlanden zu tun? Hergestellt und herausgebracht wurden der Globus von drei Personen: Johannes Janssonius, Jodocus Hondius II und Abraham Goos. Diese drei Herren da waren grosse (Karten-)Macher sowie durchaus bekannt. In ihrer Manufaktur in Amsterdam schufen sie Karten und Globen von der ganzen Welt. Unserer hier ist von 1648. Er ist nett verziert – die haben sich damals richtig Mühe gegeben. Gewidmet ist der Globus einer Westindiengesellschaft. Die Niederländer mussten wohl in der Neuen Welt grosse Pläne gehabt haben.
Auf dem Globus sieht man einige der frühesten Entdeckungen – zum Beispiel von Schouten und Le Maire, Hudson und Frederick de Houtman. Besonders spannend: Der Erdglobus enthält Infos aus einer verlorenen, frühen Karte von Captain John Smith, die noch älter ist als seine bekannte Karte von 1612. Das deutet darauf hin, dass Smith und Hondius I wohl gut miteinander zu tun hatten.
So, und auch nebenbei erwähnt: ist dieser Captain John Smith ist auch kein Niemand. Zu seiner Zeit war er ein berüchtigter Abenteurer und Entdecker. Er war entscheidend für die Gründung der ersten englischen Siedlung in Nordamerika, und sein Wirken hat dafür gesorgt, dass die kolonialen Interessen der Engländer an Nordamerika erst richtig in Fahrt kommen. Dieser Typ war ein Gründervater, bevor es überhaupt die Gründerväter gegeben hat.
Forscher sind darauf gekommen, weil auf dem amerikanischen Kontinent Dinge eingezeichnet sind, die damals schon veraltet waren – ein Zeichen, dass sie aus älteren Berichten stammen. Ausserdem tauchen indianische Ortsnamen auf, die typisch für Captain John Smith sind. Seine damaligen veröffentlichten Karten liefern dafür aber nicht genug Details, um eine so genaue Kartografie zu machen. Es gibt Hinweise, dass sich Smith und Hondius I (Vater von Hondius II) 1608 in Den Haag getroffen haben. Deshalb geht man davon aus, dass Hondius I an unveröffentlichte Infos von Smith gekommen ist.
Eine gängige Theorie ist auch, dass Hondius I mit der Arbeit an den Globen begann, aber nach seinem Tod 1612 erst mal alles liegen blieb. Später haben dann Janssonius, Hondius II und Goos die Arbeit fertiggestellt. Dadurch sind auch veraltete geografische Details auf dem Globus geblieben.
So, jetzt, wo man das weiss, kann man sich schon fragen, wie das Ding überhaupt in der Schweiz gelandet ist. Diese Frage bleibt auch offen, aber der Globus ist jetzt hier und dort wird er auch bleiben.
Simon Heller
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