Ein Blick in die Tiefe - Der Stereobetrachter
Wie fühlt es sich an, einen Ort zu sehen, an dem man nie gewesen ist? Heute setzen wir eine VR-Brille auf oder scrollen durch Bilder auf dem Smartphone. Doch schon lange vor digitalen Bildschirmen gab es ein Gerät, das genau dieses Gefühl erzeugen konnte: den Stereobetrachter.
Zu Danken haben wir
Sir Charles Wheatstone. Im 19.Jahrhundert beschäftigte er sich mit der Nachahmung von räumlichen Sehen in Bezug auf ein Bild. Er war es dann auch, der den ersten Stereobetrachter gebaut hat. Sir David Brewster war es aber, der das Prinzip in einem kleinerem und handlicherem Apparat zusammengefasst hat. So ist auch der Stereobetrachter von William Müller ein Beispiel eines solchen.
Zuletzt war es aber Oliver Wendell Holmes, der den Apparat einen ganzen Batzen günstiger machte. Sein günstigeres Produkt wurde massenproduziert und war nun für viel mehr Menschen zugänglich.
Doch was hat es weiter mit diesem Stereobetrachter auf sich?
Auf den ersten Blick wirkt er unscheinbar - ein hölzernes Objekt, gefertigt aus Nussbaum, mit zwei Öffnungen für die Augen. Doch was passiert, wenn man hindurchblickt, ist alles andere als gewöhnlich. Plötzlich öffnet sich ein Raum. Das Bild wirkt nicht mehr flach, sondern tief. Fast greifbar. Aber wie ist das möglich?
Die Antwort liegt in unserer eigenen Wahrnehmung. Wir sehen die Welt mit zwei Augen, und genau das macht sich der Stereobetrachter zunutze. Jedes Auge sieht ein leicht unterschiedliches Bild, und unser Gehirn fügt diese beiden Eindrücke zu einem räumlichen Bild zusammen. Klingt simpel und doch war diese Erkenntnis im 19. Jahrhundert revolutionär. Der Stereobetrachter machte sichtbar, was vorher nur theoretisch bekannt war: Sehen ist mehr als nur das Abbilden von Formen.
Doch der hier untersuchte Stereobetrachter ist nicht irgendein Modell. Er ist hochwertig verarbeitet, stammt aus einer kaiserlichen und königlichen Hofmanufaktur und hebt sich deutlich von den späteren, günstigen Massenprodukten ab. Das wirft Fragen auf: Wer konnte sich ein solches Gerät leisten? War es ein Gebrauchsgegenstand, ein Statussymbol oder vielleicht beides? Ganz eindeutig lässt sich das nicht beantworten. Klar ist jedoch, dass Material, Verarbeitung und Herkunft auf einen gewissen Wohlstand hinweisen.
Besonders spannend ist, wofür solche Geräte genutzt wurden. Im 19. Jahrhundert begann das Reisen populär zu werden, allerdings nicht für alle. Wer sich keine Reise leisten konnte, konnte zumindest durch den Stereobetrachter fremde Orte „besuchen“. Landschaften, Städte oder berühmte Bauwerke erschienen räumlich und lebendig. Eine Art Reisen im Wohnzimmer.
Kommt uns das nicht bekannt vor?
Denn auch heute wollen wir Orte erleben, ohne physisch anwesend zu sein. Virtual Reality, 3D-Filme oder sogar medizinische Sehtests greifen auf dasselbe Prinzip zurück wie der historische Stereobetrachter. Die Technik hat sich verändert, die Idee dahinter ist geblieben. Der Stereobetrachter wirkt damit fast wie ein Vorläufer unserer modernen Bildwelten.
Der Stereobetrachter ist somit mehr als ein historisches Objekt. Er steht für eine Veränderung der Bildwahrnehmung. Für den Versuch, Realität möglichst nah abzubilden. Und für eine Technik, deren Grundidee bis in die Gegenwart weiterwirkt.
Vanessa Müller
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